Ich will Leute in meinem Team, die so ticken wie ich

3. August 2017 | Keine Kommentare

edudip_führungIch möchte, dass die Leute in meinem Team genau so motiviert sind, wie ich; dass sie auch mal länger bleiben; dass sie mitdenken, Vorschläge machen. Ich möchte, dass sie ein ähnliches Engagement zeigen.“

So oder ähnlich lauten die Wünsche vieler Führungskräfte, wenn es um Coaching geht.

Die Vorgesetzten finden, dass Ihre Leute „zu langsam“, „zu träge“, „zu wenig engagiert“, „zu zurückhaltend“ oder vieles mehr seien.

Doch in Wirklichkeit, liegt die Problematik woanders.

Ich arbeitete mal mit einem Team, in dem es so gut wie keine Indianer mehr gab, aber alle irgendwie auch Häuptlinge sein wollten. Ich arbeitete kürzlich mit zwei Führungskräften, die beide Coaching bekommen sollten, um noch „besser“ zu werden. Einer davon bekam hinterher die Lorbeeren, der andere dieselbe Schelte, wie vorher auch.

Worum geht es bei dem Wunsch, die anderen mögen doch bitteschön, genau so ticken, wie man selbst? Worum geht es wirklich, wenn eine Unternehmerin ihre Bewerber Sonntagfrüh anruft und uns das als „neue“ Recruiting-Strategie verkaufen zu wollen?

 

Ich finde es problematisch das Unternehmer-Gen auch von Angestellten zu erwarten…Nicht selten muss ich genau wegen diesem Irrsinn in Firmen kommen, um hier zu entlasten…wenn Arbeitgeber genau so ticken würden, wären sie Chefs.
Ticken sie so dann
1. dauert es keine zwei Jahre bis es knallt oder sie weg sind…mit know how, Netzwerk in einem eigenen Konkurrenzbetrieb…
Ticken Sie nicht genau so
2. dann geben Sie nicht selten irgendwann wegen der permanenten Kritik auf und machen nur noch Dienst nach Vorschrift
3. oder werden krank oder gehen oder
4. werden gegangen, weil offenbar das „Engagement“ fehle….
Doch ist das so? Hat nicht jeder Angestellte das Recht auch mal wie ein Angestellter einfach nur seinen Feierabend, oder sein Wochenende mit der Familie, den Kindern zu verbringen? Hat nicht jeder ein Recht, nicht nur für die Arbeit zu leben, sondern sein Leben zwischen den Lebensaufgaben „Arbeit, Soziales, Familiäres“ so zu gestalten, wie es ihm zusagt?
Heißt „fehlendes Engagement“ wirklich, dass jemand am Sonntag morgen nicht erreichbar ist?
Ist es nicht mehr legitim „am 7. Tage zu ruhen“, in die Kirche zu gehen, neue Energie zu tanken?
Könnte es vielleicht sein, dass Unternehmer, die mit ihrem Unternehmen „verheiratet“ sind, anderen IHRE Art das Leben zu leben überstülpen wollen, auch wenn es beginnt, sozialen, familiären, gesundheitlichen Schaden zu nehmen?
Es gibt nicht nur die eine Wahrheit, sondern stets verschiedene Sichten auf ein und dieselbe Medaille.


Jedem seine eigene Weltsicht überzustülpen hat nichts mit Unternehmenskultur im Sinne von „Engagement“ zu tun, sondern mit Tyrannei! Wirklich engagierte Mitarbeiter, die auch mal länger bleiben, wenn Not am Mann ist, die auch mal Sonntags ans Telefon gehen, die bekommt man nicht durch solche „Strategien“, sondern durch ECHTE und GUTE und MITmenschliche Beziehungen zu den eigenen Mitarbeitern.
Wer will dass alle gleich sind, gleich handeln und gleich denken wie man selbst, sollte sich kein Team zusammenstellen sondern sich selbst klonen lassen.

Und wer jetzt Lust bekommen hat, über gute Beziehungen zu lesen, der wird hier fündig – auch wenn es um Coaching-Beziehung geht…

 

  • Sonja M. Mannhardt, S.M & De Haan, E. (2017, in print). Coaching-Beziehung In S. Greif, H. Möller, & W. Scholl (Eds.), Handbuch Schlüsselbegriffe im Coaching. Heidelberg: Springer.
    (lesen)

 

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